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Die kleine Macht Plakat

Premiere

Die kleine Macht

von Kurt Raster


25. Juni 2008
Theater an der Universität Regensburg



Besetzung

Petra Eylem Karatas
Christian Fabian Burkes
Steffi Christina Spohr
Ball Johannes Fleckenstein
Grünhold Sandra Zollner
Regie Kurt Raster

Presseinfo

Die kleine Macht

Ein lustiges Stück über ein unlustiges Thema: Mobbing

„Mobbing“ ist einer der zentralen Begriffe unserer Zeit. Nicht mehr Solidarität und Diskussion sind gefragt, sondern Ellbogen und Ausgrenzung. In der Schule, als Lehrling oder Student, im Beruf oder auf dem Amt – es gibt wenige, die verschont bleiben.

„Mobbing“ kommt vom englischen to mob „anpöbeln, angreifen, über jemanden herfallen“ und ist definiert als „negative Handlungen“, die über einen längeren Zeitraum hinweg einer oder mehrerer Personen zugefügt werden. Die Art der Handlungen kann sehr unterschiedlich sein: direkte Beleidigung und Drohung, Verbreiten von Gerüchten, konsequentes Ignorieren bis hin zu physischer Gewalt.

Mobbing ist nur möglich, wo einerseits ein Ungleichgewicht der Kräfte herrscht, andererseits der Stärkere sich des Schwächeren nicht mit legalen Mitteln entledigen kann. Mobbing soll den Schwächeren zwingen, „freiwillig“ die Düse zu machen. So nimmt es nicht Wunder, daß Mobbing in hohem Maße von Vorgesetzten ausgeht, die sich auf diesem Wege einen unliebsamen Mitarbeiter vom Halse schaffen wollen. Probate Mittel dazu sind systematische Über- oder Unterforderung, Karrierestop, Isolierung, willkürliche Versetzung oder Abmahnungen aus nichtigem Grund.

Die Schauspielgruppe „ueTheater“ widmet sich in ihrem neuen Stück „Die kleine Macht“ von Kurt Raster diesem Thema. Steffi, zu motiviert, um bei Dienst nach Vorschrift glücklich zu werden, wagt das Undenkbare: Sie kritisiert ihren Chef. Und streng nach Mobbing-Fahrplan nehmen die Dinge ihren Lauf. Doch Steffi ist nicht leicht zu knacken und landet so manchen Treffer.

Das Stück will Mobbingopfern helfen, ihre Situation rechtzeitig zu erkennen, nicht erst nach dem Verlust des Arbeitsplatzes. Denn vom Chef als Querulant hingestellt, von Kollegen gemieden oder gar ihrerseits gemobbt, fängt das Opfer meist an, sich selbst die Schuld zu geben, statt professionelle Hilfe zu suchen.

Der volkswirtschaftliche Schaden durch Mobbing wird auf einen zweistelligen Milliardenbetrag geschätzt. Doch die menschlichen Verletzungen sind nicht zu beziffern. Fast jedes zweite Mobbingopfer erkrankt, einige bleiben jahrelang arbeitsunfähig.


Kritik

Oberpfalznetz, 11. Juli 2008

Jagdszenen aus der Arbeitswelt

"Die kleine Macht", aufgeführt im Rahmen des Regensburger Gassenfests am 4. Juli 2008. Von Christian Vogl

Regensburg. Das Regensburger ueTheater überzeugt mit engagiertem Laienschauspiel zum Thema Arbeitssucht und Mobbing.

Das Programmblatt spricht nicht vom Stück "Die kleine Macht" oder vom Autor, sondern von einem sozialen Missstand: Mobbing. Mit Begriffsklärung, Statistiken, Bemerkungen zur Psychopathologie und einer Liste von Beratungsstellen für Betroffene verdeutlicht die Theatergruppe um den Regensburger Regisseur Kurt Raster von Beginn an, worauf es Kunst ankommen soll: Analyse und Lösung von gesellschaftlichen Knoten.

Und Unterhaltung. Sie kommt ebenfalls nicht zu kurz, von Beginn an schmunzeln, kichern und klatschen die Zuschauer/innen der Aufführung im Rahmen des Regensburger Gassenfests am 4. Juli 2008. Sie wohnen einer Trauung bei: die Arbeiter/in Steffi (Christina Spohr) in Blaumann und weißem Schleier wird ihrer neuen Firma, immerhin einer juristische Person, vermählt. Die Verrückung der Zeremonie lässt keinen Zweifel daran, wer hier verrückt ist: nicht die Arbeiterin, nicht die Kolleg/innen, nicht der Vorgesetzte, sondern die Arbeitswelt und ihr (sozialpolitisches) System.

Der "Neuen" schwebt noch ein idealer Arbeitsplatz ohne Schleim und Klüngeln vor, in den sie ihre ganze Person mit Kopf und Händen einbringen will, Freizeit und Privatleben inbegriffen. Als sie jedoch einen chiffrenhaft "Köhler" genannten Vertreter der Chefetage durch hartnäckige Taktik zum Umstrukturieren des Betriebs bringt, stürzt ihre heile Arbeitswelt über ihr zusammen: die direkten Vorgesetzten (Johannes Fleckenstein, Sandra Zollner) maßregeln Steffi, die Kolleg/innen (Fabian Burkes, Eylem Karatas) sitzen zwischen den Stühlen und beweisen lieber Sitzfleisch als Courage, die engagierteste Mitarbeiterin des Betriebs wird wiederholt wegen Übereifer und mangelndem Teamgeist abgemahnt und schließlich entlassen. Zurück bleibt eine ausgesaugte Arbeiter/in.

Das klingt spröde und anstrengend, ist jedoch durch eine abwechslungsreiche Inszenierung im Gegenteil sehr unterhaltsam aufbereitet worden. Eher zu viele Pointen und stilistische Einfälle versucht Raster auszuspielen, so dass zuweilen der inhaltliche Faden verloren geht; insbesondere die Anspielungen auf die Theatergeschichte, etwa Goethes "Walpurgisnacht", stehen verloren auf der dramaturgischen Linie. Zum Ende hin verblassen dadurch vor allem die handlungstragenden Szenen. Andererseits zieht Raster nicht die Konsequenz, eher ein Varieté-Theater denn ein geschlossenes Stück zu machen.

Die (Laien-)Schauspieler/innen, Studierende der Regensburger Hochschulen, spielen durchweg konzentriert und füllen ihre Rollen plastisch aus. Gewiss, es handelt sich um Laientheater, und wie in jedem Laientheater sind gelegentlich die von der Regie erdachten oder von der Gruppe erarbeiteten nicht den Darsteller/innen und ihren Möglichkeiten gemäß, sondern wurden ausgerichtet auf das umfassendere Vermögen von Berufsschauspielern. Die resultierenden Momente von hölzernem oder gar unfreiwillig komischem Spiel halten sich jedoch in Grenzen, insgesamt kriechen und biegen und räkeln sich die fünf Darsteller/innen, dass es eine Freude ist, feine choreographische Arrangements binden die Übertreibungen wieder zurück an die durchrationalisierte Arbeitsorganisation. Das ueTheater ist heuer deutlich stabiler formiert als noch vor zwei Jahren, wohl auch bedingt durch die Verkleinerung der Gruppe.

Ähnliche Fortschritte verzeichnet Kurt Raster als Stückeschreiber: wie bereits in der Modernisierung von Shakespeares "Maß für Maß" im Frühjahr 2006 zu sehen war, liegt Raster satirische "action" stilistisch näher als der subtil ausgefeilte Dialog. Sehr vorteilhaft wirken sich die Einsprengsel epischen Theaters auf die gedankliche Fundierung dieser "action" aus. Um so bedauerlicher, dass die Hauptfigur Steffi zu positiv gezeichnet ist. Bei aller Sympathie für den guten Willen zur Verbesserung der Arbeitspraxis übersieht Raster, dass er einen Typus von egozentrischem Emporkömmling huldigt, der sich vermeintlich objektiv über die Belange und Gewohnheiten von Betrieb und Kolleg/innen hinweg setzt. Ein wenig Dialektik wäre angemessen gewesen.

Sonderbarerweise erwähnt das ueTheater den eigentlichen thematischen Schwerpunkt nicht im Programmblatt, obwohl dieser die gesamte erste und weite Teile der zweiten Hälfte des knapp zweistündigen Stücks bestimmt: Arbeitssucht. Die Schwierigkeiten im Betrieb sind auch Konsequenzen des Willens zur Perfektion und des Mangels an Kompromissfähigkeit seitens der Protagonistin. Hier spricht sich das ueTheater, zu den explizit geäußerten sozialen Anliegen seltsam quer strebend, beinahe schon für ein jobzentriertes Gesellschaftsbild aus.

Vergleichsweise harmlos fällt dagegen die Inszenierung des Mobbings aus. Zwar wird Steffi von ihren direkten Vorgesetzten unzureichend gegen die Anfechtungen aus der Chefetage gestützt, aber dabei bleibt es dann schon. Das Netz des Mobbings ist viel weiter und vor allem gemeiner aufgespannt: direkte und indirekte Beleidigung, physische Beeinträchtigung, Verleumdung, soziale Isolierung, Vernichtung von Arbeitsmittel und Arbeitsergebnissen. All das kommt in der "Kleinen Macht" nicht vor. Die Mobbingfalle wird banalisiert zur Störung der freien Entfaltung.

Unterm Strich bietet das ueTheater also eine mangelhafte Erörterung des sozialen Problems Mobbing, dafür aber eine amüsante Satire über Ziele und Zwänge der Betriebsoptimierung.


Anmerkung des Regisseurs/Autors

Zu "Arbeitssucht"

In dieser unserer Gesellschaftsform ist Arbeit nicht einfach ein kreativer Spaß, der die schöne Nebenwirkung hat, der Menschheit förderlich zu sein, sondern Ausbeutung. Vernünftigerweise sollte man daher so faul als möglich sein, um die Ausbeutung zu minimieren. Zudem wird lohnbringende Arbeit, ohne die in unserem System niemand menschenwürdig leben kann, künstlich knapp gehalten. Ein guter Arbeiter mit hoher Produktivität ist also für die Allgemeinheit schädlich. Paradox. Im Stück wird das folgendermaßen formuliert: "Sie ärgert sich über ihr fehlendes Klassenbewußtsein. Sie war eine gute Arbeiterin, aber im Kapitalismus ist dies unsolidarisch. Scheiß Kapitalismus!"
Nicht "Arbeitssucht" sollte also thematisiert werden, sondern die grundsätzliche Unmöglichkeit, in unserer Gesellschaft, so wie sie zu Zeit organisiert ist, überhaupt persönlich erfüllend arbeiten zu können.


Zu "mangelhafte Erörterung des sozialen Problems Mobbing"

Landläufig wird Mobbing mit Beleidigen und Herabwürdigen usw. gleichgesetzt. Mobbing geht aber in hiesigen Arbeitswelten überwiegend vom Vorgesetzten aus, und der begnügt sich in der Regel nicht mit verbalen und sonstigen Ausfällen, sondern wendet handfeste organisatorische und juristische Mittel an, die ihm von der Gesetzgebung großzügig zur Verfügung gestellt werden, eben die "kleine Macht". Statt "Mobbing" müßte es korrekterweise "Bossing" heißen, doch hat sich diese Bezeichnung nicht durchgesetzt, wohl weil "Bossing" auf ein strukturelles Problem hinweist, Mobbing dagegen klingt nach Gruppendynamik und daher beruhigend unpolitisch.


Dokumentation

Textauszüge

3. Allein mit Arbeitsplatz

STEFFI: Da bin ich nun. Ich habe meinen Platz gefunden. Es ist herrlich. Die schönen Stühle, die angenehmen Wände, Fenster zum Rauskucken. Ich liebe jetzt schon jede Ecke, es ist, als sei ich niemals woanders gewesen.

Ach, ich bin so energiegeladen. Es birst aus mir. Ich fühle mich einem Vulkan verwandt. Als erstes streichle ich alle Geräte (tut es). Ich küsse den Schreibtisch (tut es) und gebe den Dingen einen Namen (verteilt leise Namen und lacht). Ich werde alles in Reih und Glied bringen. Ich werde alles ordnen. Ich werde Verschüttetes ausgraben, Umständliches gerade biegen, Umwege abkürzen, Gutes perfekt machen, Schlechtes auskehren. Werde dienen, werde sorgen. Werde allen ein Lächeln der Zufriedenheit ins Gesicht malen.

Ich werde mich einprägen. Der Arbeitsplatz wird meinen Geruch annehmen. Er wird meine Handschrift tragen. Er wird meine Aura versprühen. Ja, ich werde erkennbar werden in der Pflege der Dinge. Wenn jemand den Arbeitsplatz erblickt, wird er sagen: hier arbeitet die Steffi. Wenn jemand meine Arbeit in Händen hält, wird er sagen, das ist die Steffi. Wenn jemand über Erfolge spricht, wird man denken, der gute Geist Steffi. Ja, so wird es sein.

(setzt sich) Ich werde eine andere werden. Ich werde an Menschsein zunehmen. Ich werde den Arbeitsplatz verändern und der Arbeitsplatz wird mich verändern (umarmt den Arbeitsplatz). Wir werden beide das Spiel spielen und die Regeln setzen. Wir werden beide gewinnen. Es wird keine Verlierer geben. Wir werden Gewinn auf Gewinn häufen und uns der Früchte freuen. Es werden schöne Früchte sein, saftige, leuchtende, ohne Wurmlöcher, makellos, eine Freude für jeden, der hier eintritt.

Ich bin aufgeregt wie ein Teenager vor seinem ersten Rendezvous.


9. Essen des Abteilungsleiters mit Chefin

GRÜNHOLD: Na, gibt die Soße Grund zur Beanstandung?

BALL: Sie schmeckt, aber mit der Zeit hätte man doch etwas Abwechslung gerne.

GRÜNHOLD: Der neue Caterer wird sich der Sache annehmen.

BALL: Wann fängt er an?

GRÜNHOLD: Bald, sobald, als seine Lohnkosten mit unseren Vorstellungen übereinstimmen (Gelächter). Wie fällt dein Urteil über die Neue aus?

BALL: Die Neue ist top. Strahlt stets wie ein Honigkuchenpferdchen bei Vollmond, ist ebenso arglos und geschwind und energetisch. Und das Beste: Sie macht heimlich Überstunden, ohne zu berechnen.

GRÜNHOLD: So dumm ist sie?

BALL: Ja, so dumm ist sie. (das weitere wird unter prustendem Lachen erzählt)

GRÜNHOLD: Du läßt ihr zu diesem Gelingen hoffentlich den nötigen Entfaltungsfreiraum?

BALL: Sie folgt dem Lob, wie ein Esel der Karotte. Doch ich setze auch eine gewisse Grenze, damit der Respekt nicht von dannen zieht.

GRÜNHOLD: Sehr schön. Erwähnst du gelegentlich auch deine Sorge, sie könnte Schaden nehmen, wenn sie ihrer Ruhepflicht nicht nachkommt?

BALL: Das ist die Grenze, die ich vorgebe zu setzen und die sie heimlich überschreitet. Sie hält mich für den besten Vorgesetzten der modernen Welt.

GRÜNHOLD: Sehr schön! (sie beruhigen sich etwas) Woran läßt du sie derzeit arbeiten im Schwerpunkt?

BALL: Oh, sie krempelt den Laden um. Heute Vormittag erbat sie sich alle technischen Bücher aus meinem Arbeitszimmer. Sie läßt mir beinahe kein Fitzelchen Arbeit. Meine Arbeit ist nunmehr, ihre Vorschläge kritisch abzusegnen. Und damit habe ich alle Hände voll zu schaffen.

GRÜNHOLD: (ernst) Das Einbringen von Vorschlägen kann zu einer teuren Angelegenheit ausarten.

BALL: (fast platzend) Ha, das Wichtigste habe ich vergessen: Sie kauft die Materialien selber!

GRÜNHOLD: Sie kauft sie selber!

BALL: Nicht alles natürlich, nur Dinge, die helfen, die Qualität zu verbessern.

GRÜNHOLD: So dumm ist sie?

BALL: Ja, so dumm. (beide kugeln sich vor Lachen)

GRÜNHOLD: Kann sie auch kochen?

BALL: Hahaha, nein, ich fürchte, den Caterer kannst du nicht einsparen.


18. Abteilungsleiter versucht sich reinzuwaschen

BALL: Liebe Steffi, du sollst wissen, ich habe diese Nacht nicht geschlafen. Ich habe hin und her überlegt. Ich wollte verstehen, wie es zu dem Geschehen kam. Leider fand ich keine Lösung. Darum habe ich dich um dieses Gespräch gebeten. Bitte sag mir offen, was dich bedrückt. Du kannst mir voll und ganz vertrauen. Ich möchte, daß wir nicht auseinandergehen, bevor die Dinge wieder in schönster Ordnung gedeihen. Wo drückt der Schuh?

STEFFI: Ich kann nur sagen, ich habe von Anfang an alles richtig gemacht. Ich habe auf das Problem...

BALL: Langsam! Was ist deiner Meinung nach 'richtig'?

STEFFI: Richtig? Na ja, richtig ist... wenn man ein Problem erkennt und es aus der Welt schaffen...

BALL: Und welches Problem hast du deiner Meinung nach erkannt?

STEFFI: Welches Problem? Aber das weißt du doch! Der Köhler!

BALL: Und warum wolltest du dieses Problem aus der Welt schaffen?

STEFFI: Warum? Seit Jahren wird über den Köhler geschimpft, und jetzt habe ich versucht...

BALL: Warum hast du gerade jetzt versucht, 'das Problem Köhler', wie du es bezeichnest, zu lösen?

STEFFI: Äh, warum nicht gerade jetzt? Irgendwann muß man doch mal anfang...

BALL: Definiere 'Irgendwann'. Was ist 'irgendwann' für dich?

STEFFI: ... Ich habe nicht den Eindruck, daß du wissen möchtest, wie es gelaufen ist.

BALL: Wieso drängt sich dir der Eindruck auf, ich möchte nicht wissen, wie es ablief?

STEFFI: Du stellst ständig Fragen, statt zuzuhören.

BALL: Du glaubst also, daß ich ständig Fragen stelle?


23. Reflexion

PETRA: Sie wandert ziellos in der Wohnung umher. Jetzt bleibt sie am Fenster stehen. Sie fixiert einen Punkt auf der Straße. Sie braucht einen Fixpunkt, denn in ihr beginnt ein Umbau, der keinen Stein am Platz läßt.

CHRISTIAN: 'Warum war ich so unendlich blöde? Warum habe ich geschuftet wie ein Berserker, mein Privatleben dahingegeben, mir keine Pause gegönnt, für was? Wo ist der Dank?' Sie entdeckt erschüttert: all die Arbeitsjahre, eine verlorene Zeit.

PETRA: Sie muß sich setzen. Hände im Schoß. Sie schüttelt den Kopf. Auf mich wirkt sie fassungslos und wütend zugleich. 'Dienst nach Vorschrift? Aber es ist mein Traumjob! Ich gehe ein, wenn ich nur herumsitze.'

CHRISTIAN: Oh, sie ärgert sich. Sie ärgert sich über ihr fehlendes Klassenbewußtsein. Sie war eine gute Arbeiterin, aber im Kapitalismus ist dies unsolidarisch. Scheiß Kapitalismus!

PETRA: Steffi will arbeiten. Sie will ihre Arbeitszeit nicht wie eine Fremde absitzen, beziehungslos zu Dingen und Tun. 'Man versetzt mich in den Bereich Stumpfsinniges Stundenabsitzen? Ha, wir werden sehen!

CHRISTIAN: Bald schon werden sie merken, oh Gott, ohne Steffi müssen wir selber ran. Und dann kommen sie angekrochen: Steffi könntest du dies, Steffi könntest du das? Und ich werde sagen: Nein, ist nicht mein Bereich. Mein Bereich ist Stumpfsinniges Stundenabsitzen!

PETRA: Und ich werde sie beschämen. Der stumpfsinnige Bereich wird zur Perle werden. Ich werde aufzeigen, wo die Herren und Damen Chefs ihren Job nicht machten. Das wird peinlich und entlarvend. Aber immer streng nach Vorschrift.'

CHRISTIAN: Sie lacht, denn ihr fällt ein, die Sache hat auch ihr gutes. Sie wird mehr Arbeitszeit haben, denn die morgendlichen Labergespräche werden wohl in Zukunft der Vergangenheit angehören.

PETRA: Sie hat einen Entschluß gefaßt. Aber sie ist nicht mehr glücklich.


30. Verbesserungsvorschläge

STEFFI: (überschwenglich) Hallo Petra! (umarmt sie. Petra blickt ängstlich um sich. Sie stellt den Kragen hoch, versucht mit Blättern ihr Gesicht vor eventuellen Zeugen abzuschirmen etc.)

PETRA: Hallo!

STEFFI: Lieb, dich wieder mal zu sehen, irgendwie treffen wir uns gar nicht mehr! Wie geht's dir denn?

PETRA: Es geht.

STEFFI: Ist der Auftrag schon fertig?

PETRA: Ja, ist fertig, dann muß ich mal wieder...

STEFFI: Toll! Und jetzt frag mich mal!

PETRA: Was denn?

STEFFI: Na, wie's mir geht.

PETRA: Ich hab eigentlich gar keine Zeit...

STEFFI: Na komm, frag schon!

PETRA: Und wie geht es dir?

STEFFI: Super, daß du mich danach fragst. Mir geht es nämlich saugut. Ich komme gerade vom Betriebsrat. Er hat mir den Tip des Jahrhunderts gegeben. Steffi, hat er gesagt, reich doch einen Verbesserungsvorschlag ein: "Erhöhung der Betriebssicherheit durch Umtausch von Gerät Nummer fünf". Genial, nicht?

PETRA: Jaa...

STEFFI: Ein Verbesserungsvorschlag muß nämlich von mehreren Leuten begutachtet werden. Da wird herauskommen, was der Ball für einen Scheiß gebaut hat. Ich glaub, ich werd nur noch mit Verbesserungsvorschlägen arbeiten: "Verbesserung der Effektivität durch Vereinheitlichung unseres Kundenservice", damit mein ich die Köhlergeschichte. "Verbesserung der Arbeitsorganisation durch definierte Zuständigkeitsbereiche", dann muß auch der Ball ran! Bis jetzt kann er sich ja vor jeder ernsthaften Arbeit drücken, weil keiner weiß, für was er eigentlich da ist.

PETRA: Weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist...

STEFFI: Bin schon gespannt auf Balls Gesicht. Langsam macht mir das ganze sogar Spaß. Hast du Lust auf einen schnellen Kaffee?

PETRA: Nein, lieber nicht, muß noch den Auftrag fertig machen.

STEFFI: Aber der ist doch schon fertig.

PETRA: Ja, äh, schon, aber ich will das Erbgebnis lieber noch einmal checken.

STEFFI: Wenn du meinst, also dann tschüß!

PETRA: Tschüß!


31. Vorladung zur Chefin

STEFFI: Guten Tag, Sie wollten mich sprechen? (Steffi wird von einem Lichtkegel an die Wand genagelt)

GRÜNHOLD: Ich halte dies nicht für einen guten Tag, Signorina Steffi, wirklich kein guter Tag.

BALL: Nein, gar kein guter Tag!

GRÜNHOLD: Denn sie machen mich sehr traurig heute, Signorina Steffi, sehr sehr traurig. Ich habe Ihre Arbeit immer mit großem Wohlwollen betrachtet, mit sehr großem Wohlwollen. Nicht wahr, Luigi, täglich erkundige ich mich nach dem Befinden meiner kleinen Lieblingsblume, 'Wie geht es Signorina Steffi? Was hat sie heute mit ihren wunderbaren Händen schon wieder Gutes für die Firma vollbracht?' Oder lüge ich, Luigi?

BALL: Nein, Frau Chef, sie fragen täglich nach der Signorina, in den allerwärmsten Worten!

GRÜNHOLD: Na, sehen Sie. Steffi, ich bin dir wirklich sehr zugetan. Du bist wie ein eigenes Kind für mich. So bist du mir ans Herz gewachsen. Stimmt doch, Luigi?

BALL: Ja, Frau Chef, stimmt!

GRÜNHOLD: Um so mehr schmerzt es mich, daß jetzt ein Schatten auf meine Freude fällt, Steffi, ein häßlicher Schatten.

BALL: Ein sehr häßlicher Schatten!

GRÜNHOLD: "Erhöhung der Betriebssicherheit", "Verbesserung der Effektivität", "Verbesserung der Arbeitsorganisation", was sind denn das für Sachen?

STEFFI: Das sind Verbesserungsvorschläge. Ich habe das Recht dazu.

GRÜNHOLD: Steffi, Steffi... Ich lese hier: "Ein fehlerhaftes Gerät wurde eingekauft", "In der Sache Köhler wurde fehlerhaft entschieden"

STEFFI: Ich habe alles genau begründet.

GRÜNHOLD: Aber Steffi, hier schreibst du bezüglich Arbeitsorganisation: "Herr Ball könnte die Aufgaben Repräsentation und Kundenberatung ausfüllen. Seine jahrelange Erfahrung befähigt ihn in hervorragender Weise." Was sagst du dazu?

STEFFI: Was soll ich dazu sagen? Ja, das habe ich geschrieben.

GRÜNHOLD: Findest du es nicht ein klein wenig ungehörig, deinem Vorgesetzten Arbeitsaufträge zu erteilen?

STEFFI: Was heißt hier Aufträge? Es sind Verbesserungsvorschläge. Das ist doch ein ganz demokratischer Prozeß...

GRÜNHOLD: Aber Steffi, wir sind doch hier keine Demokratie! Wir sind eine Hierarchie!

STEFFI: Wir sind ein Team, sagt Herr Ball bei jeder Gelegenheit. Da muß es doch möglich sein...

GRÜNHOLD: Ich seh schon, Signora Meinrad, welch Geistes Kind Sie sind. Und das macht mich traurig, sehr sehr traurig. Sie sind entlassen. (Steffi ab) Luigi, bring die Instrumente!


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Fotos: Herbert Baumgärtner