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Miete Plakat

Premiere

Sauereien in Regensburg: Miete


20. Mai 2015
LiZe Regensburg (Linkes Zentrum)



Besetzung

Verfasser/innen, Regie, Bühne … Anja Wiesner, Julie Fischer, Karen Mursch, Kurt Raster, Lea Willeke, Linda Muñoz, Marianne Repschläger, Markus Englbrecht

Presseinfo

Sauereien in Regensburg: Miete

Ein Forumtheaterprojekt

Amtlich genehmigte Bruchbuden mit Quadratmeterpreisen weit über 50 Euro, Richter/innen, die sich einen Dreck scheren um die Rechte von Mietern, eine zu sozialem Verhalten verpflichtete städtische Wohnbaugesellschaft, die Rollstuhlfahrer/innen buchstäblich im Regen stehen lässt – all dass soll es in unserem schönen Regensburg geben?

Leider ja. Das freie Theaterensemble „ueTheater“ hat für seine Reihe „Sauereien in Regensburg“ zum Thema „Miete“ recherchiert und ist dabei auf haarsträubende Fälle gestoßen. Was das ganze noch schlimmer macht: Die Geschichten sind keine Einzelfälle, sondern typische Beispiele für eine Stadt, in der Menschlichkeit immer weniger gefragt ist. Nur noch Profit und Wirtschaftlichkeit zählen. Dass die Wirtschaft für die Menschen da sein soll, nicht umgekehrt, wird vielfach vergessen.

Das ueTheater bringt diese Fälle auf die Bühne und versucht dadurch, eine gesellschaftliche Diskussion anzukurbeln. Wie wollen wir eigentlich leben? Wie stellen wir uns eine menschengerechte Stadt vor? Was ist zu tun?

Um diese Fragen anzugehen eignet sich wunderbar die von dem Brasilianer Augusto Boal entwickelte Methode „Forumtheater“. Es ist eine Art Diskussion mit theatralischen Mitteln, spannend, kreativ, lustig, erkenntnistief, aufrüttelnd und mutmachend.

Unser Regensburg ist von der Donau aus gesehen wirklich schön anzuschauen. Doch es sollte auch hinter der Postkartenansicht schön zu leben sein!


Miete 1: Privatisierung / Mietspiegel / Gericht




MODERATION: In unserer ersten Geschichte beschäftigen wir uns mit dem Thema „Privatisierung von Sozialwohnungen“. Ihr wisst sicher, dass sich der Staat mehr und mehr aus dem Neubau von Sozialwohnungen zurückzieht. Gleichzeitig gibt es aber immer weniger alte Sozialwohnungen, da nach 20 bis längstens 40 Jahren die Sozialbindung wegfällt. Es wird geschätzt, dass in Deutschland mindestens 4 Millionen Sozialwohnungen fehlen, in Regensburg mehrere tausend. Ja, es wird viel gebaut in Regensburg, aber selten entstehen Wohnungen, die sich eine Durchschnittsverdienerin leisten kann.

Gerade in diesem Viertel hier, im Kasernenviertel, wurden in den letzten Jahren Unmengen ehemaliger Sozialwohnungen privatisiert, mit den entsprechenden Folgen: Exorbitante Mietsteigerungen und Verdrängung von Mieterinnen und Mietern, die teilweise ihr halbes oder ganzes Leben hier verbrachten. Die erste Geschichte spielt nur knapp 50 Meter von hier, im Erikaweg. Sie beginnt vor 29 Jahren.

Endlich eine passende Wohnung

VERWALTER: (schon in der Wohnung, öffnet Fenster zum Durchlüften, es klingelt, öffnet die Tür) So, Sie sind der Herr Kurt R.?

KURT: Ja, Grüß Gott!

VERWALTER: (schütteln sich Hände) Grüß Gott. Na, dann schauen wir uns mal die Wohnung an.

KURT: Gerne.

VERWALTER: Es ist eine Doppelmansardenwohnung, die Raumhöhe ist leider etwas niedrig.

KURT: Das ist ja riesig!

VERWALTER: 46 Quadratmeter, was im sozialen Wohnungsbau einem Einzelmieter halt zusteht.

KURT: Wow!

VERWALTER: Hier ist das Bad. Nicht gefliest, nur Stragula am Boden und wasserabweisende Tapeten.

KURT: Fliesen kann ich selber, das krieg ich schon hin.

VERWALTER: Auch im Rest der Wohnung sind keine Böden verlegt. Das müssten Sie auch selber machen.

KURT: In den Baumärkten gibt es jede Menge Teppichreste, ganz billig.

VERWALTER: Gut. Küche. Der Herd ist mit Gas.

KURT: Oh, mit Gas koche ich gerne.

VERWALTER: Sie haben ein kleines Kind, hat man mir gesagt?

KURT: Ja, ich bin quasi halballeinerziehender Vater. Am Wochenende und meist die ganzen Ferien. Während der Woche ist er bei der Mutter.

VERWALTER: Dann habe ich hier etwas ganz besonderes für Sie, eine kleine Abstellkammer, sehr niedrig, aber für einen Dreikäsehoch ideal!

KURT: Super! (krabbelt rein) Er baut sowieso ständig kleine Häuserl. Das wird ihm gefallen.

VERWALTER: Ein Bub?

KURT: Ja, Sebastian heißt er. (krabbelt wieder raus)

VERWALTER: Hier das Schlafzimmer. Aber das ist natürlich Ihre Sache, wie Sie das einteilen.

KURT: Das wird wahrscheinlich mein Arbeitszimmer.

VERWALTER: Und schließlich hier die gute Stube, das Wohnzimmer.

KURT: Sogar mit Blick ins Grüne.

VERWALTER: Schrebergarten halt.

KURT: Das ist ja alles … (sprachlos) Und für 120 DM?

VERWALTER: 124,90 DM

KURT: Wissen Sie, ich habe monatelang gesucht. Alles unbezahlbar. Da habe ich den Tip bekommen, eine Sozialwohnung zu beantragen. Habe auch gleich einen Wohnberechtigungsschein bekommen und kaum einen Monat später schlägt mir das Amt zwei Wohnungen vor, hier im Erikaweg und in der Humboldtstraße. Das ist für mich so ein Glück! Als ob ich träume …

VERWALTER: Sie müssten aber von der Vormieterin die Nachtspeicheröfen übernehmen. 600 DM. Von unserer Seite, von der Gemeinnützigen Wohnungsgesellschaft, wird keine Heizung gestellt. Da waren mal überall Holzöfen drin, aber die sind schon lange verschrottet.

KURT: Puh, 600 DM.

VERWALTER: Für eine komplette Heizung ist das natürlich fast nichts.

KURT: Das Geld treib ich schon irgendwie auf. Die Wohnung nehme ich.

VERWALTER: Sie können sich natürlich auch noch die Wohnung in der Humboldtstraße ansehen …

KURT: Nein, nein. Ich nehme die, ganz sicher.

VERWALTER: Gut, dann hol ich mal die zweiten Schlüssel. Offiziell läuft der Vertrag erst ab nächstem Monat, aber Sie können natürlich auch jetzt schon rein, ist ja frei.

KURT: Super! Danke! (Verwalter geht) … Wahnsinn … (legt sich auf Rücken) Meine neue Wohnung!

Sozialwohnung wird an Annington verkauft

KURT: (kommt mit Zeitung und einem Brief zur Tür herein, setzt sich an Schreibtisch, kuckt auf Kuvert) Oh, von der Wohnungsgesellschaft, hm … (öffnet das Kuvert, liest) „Unsere Wohnanlage in Regensburg, Erikaweg 1 bis 13. Veräuß … hä? … Veräußerung unseres Wohnhauses – Eigentümerwechsel … Scheiße … Sehr geehrte Damen und Herren, da bekanntlich jedes Jahr seine Neuigkeiten und Überraschungen mit sich bringt, dürfen wir Ihnen heute mitteilen, dass wir für unsere vorgenannte Wohnanlage einen neuen Eigentümer gefunden haben. Mit notariellem Kaufvertrag wurde das im Betreff genannte Anwesen an die Deutsche Annington Immobilien Gruppe verkauft. Als Tag des Besitzübergangs wurde der 1. Januar 2003 vereinbart.“ (blickt hoch) … Jetzt haben sie mich verkauft.

Mieterverein

KURT: (klopft)

BAUER: Ja?

KURT: (kommt rein) Guten Tag, Herr Bauer!

BAUER: Grüß Gott. Wegen der Sache Annington?

KURT: Ja, wegen einer Mieterhöhung, wieder mal. Meine ehemalige Sozialwohnung ist ja 2003 privatisiert worden, verkauft an die Deutsche Annington, an eine Heuschrecke.

BAUER: Ja, die kennen wir. Mit denen haben wir vom Mieterverein öfter zu tun.

KURT: Und seit der Zeit bekomme ich pünktlich alle drei Jahre, ich kann die Uhr danach stellen, eine Mieterhöhung, jedesmal 20 %.

BAUER: Mhm.

KURT: Da wollte ich jetzt mal fragen, ob man da nicht was dagegen machen kann, ob die Mieterhöhung überhaupt rechtens ist.

BAUER: Haben Sie das Schreiben von der Mieterhöhung dabei?

KURT: Ja, hier. (übergibt es ihm)

BAUER: Hm, bei den Zu- und Abschlägen könnte man vielleicht einhaken. Da steht „gute Wohnlage“. Aber eine gute Wohnlage ist das nicht bei euch, das ist eine „mittlere Wohnlage“.

KURT: Okay… Ehrlich gesagt, habe ich mich mit diesen Sachen überhaupt noch nie befasst.

BAUER: Der Vermieter darf halt nur bis zur ortsüblichen Vergleichsmiete erhöhen, die im Mietspiegel steht. Für eine gute Wohnlage kann er aber einen Zuschlag verlangen, für eine mittlere nicht.

KURT: Für mich sind das alles böhmische Dörfer. Zuschlag?

BAUER: (tippt etwas in Taschenrechner) Hm, wenn man den Zuschlag für die gute Wohnlage weglässt, sind wir mit der Mieterhöhung immer noch unter der Vergleichsmiete, war ja mal eine Sozialwohnung und ist entsprechend günstig, solange nicht modernisiert wird. Da kann man jetzt eigentlich gar nichts machen.

KURT: Schade …

Beratung Bank

(Kurt bleibt sitzen, Bauer wird von Banker ausgetauscht)

BANKER: Ja, diese ehemaligen Sozialwohnungen sind ja für einen Appel und ein Ei an Annington verkauft worden. Ich kann mich noch gut erinnern. Jetzt will Annington mit gutem Gewinn weiterverkaufen, also Eigentumswohnungen daraus machen.

KURT: Genau deswegen bin ich bei Ihnen. Einer Freundin von mir haben Sie einen wirklich fairen Kredit vermittelt, der Barbara.

BANKER: Ach die Barbara. Geht‘s ihr gut?

KURT: Ja, sie ist ganz glücklich in ihrem kleinen, schnuckligen Häuschen. Bastelt ständig dran herum, so wie sie halt ist, immer am werkeln.

BANKER: Sagen Sie Ihr bitte einen schönen Gruß von mir.

KURT: Mach ich. Jedenfalls habe ich das Vorkaufsrecht. Und jetzt frage ich mich, ob ich die Wohnung kaufen soll, ob ich das überhaupt finanzieren kann.

BANKER: Haben Sie Kapital?

KURT: Nein, gar nichts.

BANKER: Hm… dann wird es schwierig. Nach den Angaben, die Sie mir gemacht haben, müssten Sie fast 25 / 30 Jahre abbezahlen. Mit 80ig wären Sie also stolzer Besitzer Ihrer eigenen 4 Wände.

KURT: Mit 80ig, da fängt das Leben an …

BANKER: Bei höherer Tilgung, sagen wir mal das Doppelte, was Sie gerade an Miete zahlen, wären Sie natürlich schneller fertig.

KURT: Das kann ich mir nicht leisten. Eigentlich will ich die Wohnung auch gar nicht kaufen. Ich habe halt nur Angst, richtige Existenzangst, dass der neue Vermieter Eigenbedarf anmeldet oder modernisiert und die Miete so teuer wird, dass ich das nicht mehr bezahlen kann. Diese Wohnung ist meine Heimat, über 20ig Jahre wohne ich schon da. Mein Sohn ist da aufgewachsen.

BANKER: Also, was die Modernisierung betrifft, da kann ich Sie etwas beruhigen. Bei dem Kaufpreis macht ein Vermieter fast … (rechnet) 6 % Rendite, wenn man Ihre Miete als Verzinsung veranschlagt. Soviel bekommen Sie heute von keiner Bank.

KURT: Wow! 6 %!

BANKER: Modernisieren lohnt sich daher nicht für einen neuen Besitzer. Bis der das wieder herinnen hat, verkauft er die Wohnung lieber mit Gewinn weiter. Und Eigenbedarf? Mansarde, 3. Stock, das kauft keiner als Alterssitz.

KURT: Danke, dann bin ich zumindest einigermaßen beruhigt.

Besichtigung von Mieterverein und Vermieter

(Kurt geht in seiner Wohnung unruhig auf und ab, es läutet, geht zur Tür)

KURT: Hallo Herr Bauer!

BAUER: Grüß Gott!

KURT: Und Sie sind mein Vermieter, Herr S.?

VERMIETER S.: Ja, bislang hatten wir ja nur telefonischen Kontakt oder per Email.

KURT: Sie kommen zusammen?

BAUER: Wir haben uns zufällig unten getroffen.

KURT: Okay, ja dann schauen Sie sich mal die Wohnung an. Wie ich Ihnen ja schon bzw. Herr Bauer vom Mieterverein geschildert habe, handelt es sich hier um eine Schlichtwohnung. Keine Böden, keine Heizung, bzw. alles von mir selbst eingebaut, 2,20 cm Deckenhöhe, einfachste Badausstattung, in der Küche ein uraltes Holzkastenfenster …

VERMIETER S.: Jaja, aber als Schlichtwohnung, wie Herr Bauer behauptet, kann ich das hier nicht betrachten.

KURT: Als was denn sonst?

VERMIETER S.: Wissen Sie, was Sie normalerweise für eine Wohnung dieser Größe hier in Regensburg hinblättern?

KURT: Ich glaube, dass ich eigentlich schon zu viel bezahle. Meine Miete ist jetzt fast dreimal so hoch als bei meinem Einzug, obwohl an der Wohnung praktisch nie etwas gemacht wurde.

VERMIETER: Sie können ja Wohngeld beantragen.

KURT: Die Allgemeinheit soll also Ihre Mieterhöhung bezahlen? 6 % Rendite machen Sie ja jetzt schon, hat mir ein Bankberater ausgerechnet.

BAUER: Auf alle Fälle kann man hier keine gute Wohnlage veranschlagen, höchstens mittlere.

VERMIETER S.: Das ist eine gute Wohnlage. Hier gibt es zum Beispiel nur ganz wenige Ausländer.

KURT: Was soll das jetzt bedeuten?

VERMIETER S.: Gut, bei der Wohnlage komme ich Ihnen entgegen, dann sind wir bei 26 % Abschläge (holt Taschenrechner heraus. Quadratmeterpreis minus 26 % mal 46 Quadratmeter ist gleich (zeigt mir das Ergebnis). Mit meiner Forderung liege ich gut unter dem, was der Mietspiegel erlaubt.

KURT: Das kann so nicht stimmen!

VERMIETER S.: Ich gebe Ihnen nochmal 10 Tage Bedenkzeit. Wenn ich dann immer noch keine Zustimmung bekomme, dann geht‘s vor Gericht. Das würde ich zwar bedauern, in Ihrem Interesse, aber Sie zwingen mich ja dazu. Auf Wiedersehen. (ab)

BAUER: Ich würde zustimmen. Der wird alle Möglichkeiten prüfen, um Sie zu schikanieren.

Ablehnung Mieterhöhung

KURT: (sitzt an Schreibtisch) „Mietspiegel 2012. Wohnen in Regensburg“ Na, dann kucken wir mal. Aha, die Quadratmeterpreise, ich habe 46 Quadratmeter macht 7,09 €, so wie‘s mein Herr Vermieter sagte (schreibt die Zahl auf einen Zettel). Aber jetzt diese seltsamen Zu-/ und Abschläge, die muss ich mir mal genauer anschauen, ich will das kapieren. Aha, je nach Baujahr gibt es Plus oder Minus. Mein Baujahr zwischen 49 und 65 macht 9 % Minus, also 9 % weniger Miete. Sehr schön. (schreibt) Minus 9. „Wohnlage“, das weiß ich jetzt, „Mittlere Wohnlage“ ist gleich (schreibt) 0. „Haus-/Wohnungstyp“ „Hochhaus … Maisonnette“ … betrifft mich nicht … „Heizungs-/Sanitärausstattung“ … „oder keine vom Vermieter gestellte Heizung“, minus 15 %. Wow, nochmal 15 % weniger Miete, das macht Spaß! (schreibt) Minus 15. Weiter: „keine zentrale Warmwasserversorgung“ … „Als keine zentrale Warmwasserversorgung ist die Warmwasseraufbereitung definiert, die über mehrere Geräte erfolgt“ … Bingo, ich habe mehrere Elektroboiler … nochmal (schreibt) minus 8 %, Supi! Und schließlich noch „einfach Badausstattung“, minus 4. Nächste Tabelle: „Wohnungsausstattung“ … „einfache Wohnungsausstattung“ (schreibt) minus 7 %, „wärmetechnischer Beschaffenheit“, das weiß ich, khw-Wert 200 bis unter 250 macht (schreibt) minus 1 %. Das war‘s. Macht zusammen: 44 % Abzüge! Fast das Doppelte, was der Vermieter vorschlägt! Wahnsinn! Jetzt wird‘s spannend: 7,09 € minus 44 % mal 46 Quadratmeter macht … Ich zahle jetzt schon mehr Miete als ich müsste!

Der neue Mietspiegel

KURT: (wählt)

SCHINDLER: Gisela Schindler, Mieterbund Regensburg, Hallo.

KURT: Hallo, mein Name ist Kurt R. Es ist Folgendes, es ist ja jetzt der neue Mietspiegel verabschiedet worden. Der ist für mich die reinste Katastrophe! Mit dem alten Mietspiegel 2012 konnte ich die Mieterhöhung kaltlächelnd abschmettern. Stellen Sie sich vor, mein Vermieter wollte mehr Geld, obwohl ich eh schon viel zuviel über dem Mietspiegelniveau zahlte!

Durch den neuen Mietspiegel 2014 aber kann der Vermieter bei mir um fast 45 % erhöhen! Einfach weil ein Haufen Abzüge weggefallen ist. Ich kann das nicht akzeptieren. Warum soll meine Wohnung über Nacht plötzlich soviel mehr Wert sein. Ich habe also die neue Mieterhöhung abgelehnt und jetzt geht das Ganze vor Gericht.

SCHINDLER: Aha …

KURT: Und da der Mieterbund sich auch sehr gegen den neuen Mietspiegel eingesetzt hat …

SCHINDLER: Ja, das ist richtig.

KURT: … habe ich mir gedacht, melde ich mich mal bei Ihnen. Ich möchte einfach nur eine unverbindliche Beratung, wie ich mich vor Gericht verhalten soll, ein paar Tipps.

SCHINDLER: Ja, Herr R., dass muss ich Ihnen jetzt schon sagen, das machen wir generell gar nicht. Wenn es vor Gericht geht, dann sind wir draußen.

KURT: Ja, ich weiß, als ich vom Mieterverein zu Ihnen ging, weil mich der so schlecht beraten hat, habe ich keine Rechtsschutzversicherung abgeschlossen. Ich verteidige mich selber, außer ich bekomme Prozesskostenhilfe, aber da habe ich noch keinen Bescheid. Ich wollte nur ein paar Tipps, eine unverbindliche Beratung …

SCHINDLER: Ich habe das schon verstanden, aber das machen wir generell nicht. Wenn es vor Gericht geht, können wir Sie nicht weiter beraten. Das ist so festgelegt bei uns.

KURT: Wie festgelegt? Davon habe ich nichts gelesen. Sonst wäre ich ja gar nicht eingetreten.

SCHINDLER: Herr R., da kann ich Ihnen leider nicht weiterhelfen, das ist bei uns so geregelt, das ist einfach so.

KURT: Ich muss Ihnen schon sagen, dass finde ich jetzt heftig. Gerade wenn man als Mieter am dringendsten professionelle Hilfe braucht, wird man nicht unterstützt. Das ist …

SCHINDLER: Tut mir leid, das sind eben unsere Regeln. Und ich denke, damit ist das Gespräch erst einmal beendet. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag. Wiederhören.

KURT: (schaut Hörer an) … unglaublich.

Gerichtstermin

LOHMANN: (kommt herein, alle erheben sich, setzt sich, nimmt Diktiergerät) Ich eröffne den Fall S. gegen R. in Sachen „Zustimmung zur Mieterhöhung“. Anwesend sind der Kläger S. mit Rechtsbeistand sowie der Beklagte R. ohne Rechtsbeistand. (schaltet Diktiergerät aus) So, Herr R., es ist jetzt so. In dieser Stadt gibt es einen vom Regensburger Stadtrat verabschiedeten, qualifizierten Mietspiegel. Dieser ist nach anerkannten, wissenschaftlichen Grundsätzen erstellt worden. Es steht also außer Frage, dass der aktuelle Mietspiegel den Regensburger Wohnungsmarkt korrekt wiedergibt. Darum verstehe ich nicht, warum Sie die Mieterhöhung ablehnen.

KURT: Ich glaube nicht, dass der Mietspiegel korrekt ist. Ich habe zum Beispiel in meiner Wohnung keine vom Vermieter gestellte Heizung. Nach altem Mietspiegel konnte ich da 15 % abziehen. Im neuen Mietspiegel gibt‘s den Punkt gar nicht mehr. Stattdessen gibt es nur noch Einzelöfen, minus 6 %. Aber ich habe keine vom Vermieter gestellte Heizung. Das ist …

LOHMANN: Die bloße Tatsache, dass zum vorhergehenden Mietspiegel Abweichungen bestehen, reicht noch nicht für die Annahme von „offenkundigen Mängeln des aktuellen Mietspiegels“ aus. (Originalzitat aus Urteil)

KURT: Aber die Wohnung kann doch nicht einfach über Nacht plötzlich um soviel mehr wert sein, ohne dass der Vermieter irgendetwas gemacht geschweige denn investiert hätte. Das widerspricht doch …

LOHMANN: Es sind keine Anhaltspunkte ersichtlich, dass der Mietspiegel 2014 nicht die aktuellen Vergleichsmieten darstellt. (Originalzitat aus Urteil) Stimmen Sie als der Mieterhöhung zu?

KURT: Aber im Mietspiegel von 2012 …

LOHMANN: Der Mietspiegel von 2012 spielt hier keine Rolle. Akzeptieren Sie die Mieterhöhung oder lehnen Sie weiterhin ab?

KURT: Aber … Der aktuelle Mietspiegel ist praktisch nur von Vermieterseite entwickelt worden. Der Mieterbund ist aus dem entsprechenden Arbeitskreis ausgestiegen, der Mieterverein hat ihn abgelehnt. Damit hat er eine sehr fragliche Legitimation. Das muss man doch …

LOHMANN: Der Mietspiegel wurde im Stadtrat nahezu einstimmig verabschiedet. Damit ist er legitimiert. Akzeptieren Sie also die Mieterhöhung?

KURT: … Der neue Mietspiegel ermöglicht bei mir eine Mietsteigerung von 45 %. Hätte meine Wohnung ein anderes Baujahr, wären es sogar 57 %! Nach … (sieht nach) § 138 BGB muss man solche Steigerungen eigentlich als Wucher bezeichnen und damit sind sie sittenwidrig. Ich habe in meiner Klageabweisung das ja genau ausge …

LOHMANN: Ich habe Ihre Klageabweisung gelesen. Stimmen Sie also der Mieterhöhung zu oder nicht?

KURT: Herr S., ich habe Ihnen doch in meiner Klageabweisung ein faires Kompromissangebot gemacht. Ich stimme ja der Erhöhung der Quadratmeterpreise zu. Alles wird teurer, dass ist halt in einer Boomtown so. Aber bei Beibehaltung der alten Abzüge von 44 %. Da würden wir uns genau in der Hälfte von dem treffen, was Sie verlangen.

LOHMANN: Herr S., stimmen Sie dem Kompromissangebot zu?

VERMIETER S.: Nein.

LOHMANN: Also, Sie hören es, Herr R.. Bleiben Sie bei Ihrer Weigerung?

KURT: Aber …

LOHMANN: Bleiben Sie bei Ihrer Weigerung? Ich möchte Sie übrigens darauf hinweisen, dass Sie gegen ein Urteil keine Revision einlegen können, da der Streitwert unter 600 € liegt. Also?

KURT: Prozesskostenhilfe?

LOHMANN: Ist abgelehnt. Ein entsprechender Bescheid wird Ihnen noch zugestellt. Also, akzeptieren Sie die Mieterhöhung?

KURT: … Nein …

LOHMANN: (spricht in sein Diktiergerät) Der Beklagte beantragt Klageabweisung. (steht auf, alle anderen auch) Der Beklagte wird verurteilt, der Erhöhung der monatlichen Kaltmiete zuzustimmen. Die Kosten des Rechtsstreits hat der Beklagte zu tragen. Die mündliche Verhandlung ist geschlossen. (räumt zusammen, zu Kurt) Es wäre sicher anders verlaufen, wenn Sie einen Rechtsanwalt gehabt hätten.

KURT: Wie soll ich das machen, wenn ich erst bei der Verhandlung erfahre, ob ich Prozesskostenhilfe bekomme? Selber zahlen kann ich keinen Anwalt.

LOHMANN: Tja, da kann ich leider nichts machen. Auf Wiedersehen.

KURT: Nein, Danke … (Richter ab, Kurt trottet als letzter hinterher)


Miete 2: Hardcorevermieter / Jobcenter




MODERATION: Unser nächster Fall hängt mit dem ersten unmittelbar zusammen: Es gibt zu wenige Sozialwohnungen. Leute, die von Hartz IV leben müssen, haben kaum eine Chance. Sie müssen im Prinzip nehmen, was sie kriegen. Und das Jobcenter spielt mit. Sie bezahlen für die unglaublichsten Bruchbuden Quadratmeterpreise von mehr als 50 Euro. Kein Scherz. Für dieses Kleinstzimmer hier, es befindet sich in Burgweinting, der Vermieter ist eine gewisser D., zahlt das Jobcenter 430 €, Quadratmeterpreis über 70 €! Es wird geschätzt, dass durch diesen Sozialbetrug von Vermieterseite, die die Notlage Wohnungssuchender schamlos ausnutzt, deutschlandweit jährlich mehrere hundert Millionen Euro ergaunert werden.

Aber nicht nur das Jobcenter wird betrogen oder lässt sich betrügen, sondern auch die Ärmsten der Armen werden von Hardcorevermietern schamlos und systematisch um ihr Weniges gebracht, wie unser nächstes Beispiel aus diesem Frühjahr zeigt.

Unterschlupf bei Freunden

(Alle schlafen, Angelo im Bett, Franzi und Andrei auf dem Boden. Dann springt Franzi erschrocken auf)

FRANZI: Uah, nein, weg!

ANGELO: Hey, was ist denn los?

FRANZI: Da war schon wieder so ein Vieh! Bitte, bitte, ich mag nicht mehr auf dem Boden schlafen. Lass uns tauschen. Das ist so eklig! Da läuft die ganze Zeit eine Ratte rum!

ANGELO: Ach komm… Das ist halt so bei so einem kaputten, alten Haus (schläft weiter)

FRANZI: Nein wirklich! (legt sich wieder hin, zu Andrei) Andrei, hörst du das nicht? Da sind die ganze Zeit irgendwelche Ratten!

ANDREI: Lass mich …

FRANZI: Ich will hier nicht schlafen! Ich bekomm noch Paranoia. Ich muss hier raus!

ANDREI: Ja, wie denn?

FRANZI: Ich muss hier raus, ich find schon was.

ANDREI: An uns vermietet doch keiner was, das kannst du vergessen, nur solche Bruchbuden wie die hier.

FRANZI: Ich muss hier weg! Es geht einfach nicht mehr. Sonst werde ich krank!

Internetrecherche

(Franzi tippt auf imaginärer Tastatur herum)

FRANZI: Hm, „Nur für Wochenendheimfahrer und Nichtraucher“, die nehmen mich bestimmt nicht … „Exklusive und helle 2-Zimmer-Stadtwohnung im neuen Viertel CANDIS“, unbezahlbar … „Traumwohnung über den Dächern von Regensburg! - Nur für Rentner“, Scheiße … Oh, das könnte was sein: „Zimmer in Altstadtnähe. Auch an Mieter von Jobcenter zu vergeben“, passt! … 30 qm. Badezimmer auf dem Gang … „In dem Zimmer befindet sich ein Kühlschrank, sowie eine Herdplatte, einen Abfluss für Abwasser gibt es leider nicht.“ Puh, Abspülen im Waschbecken auf dem Klo, wo auch andere Scheißen gehen … Kaltmiete: 350 €.“ Ganz schön happig für ein Zimmer ohne Wasseranschluss. Schaut auf dem Bild nicht aus, als ob das 30 qm wären. „Bietet sich für Kurzzeitmieter an“ … Was soll‘s. 350 € zahlt das Jobcenter. Was anderes bekomme ich ja eh nicht. Vermieter Sandro N. Tel: … (schreibt sie auf)

Besichtigung Bäckergasse

(Franzi und Sandro treffen sich vor der Bäckergasse 2)

VERMIETER N.: Hallo ich, bin der Sandro, kannst ruhig du zu mir sagen.

FRANZI: Ich bin die Franzi, Hallo.

VERMIETER N.: Dann schauen wir uns die Wohnung mal an, würde ich sagen. Dritter Stock, unterm Dach.

FRANZI: Okay

(Sie gehen ein paar Mal im Kreis, treppensteigend)

VERMIETER N.: Also, wie gesagt, Miete 400 €, kein Problem, zahlt das Amt.

FRANZI: Auf der Internetseite hat es 350 € geheißen.

VERMIETER N.: Kein Problem, weißt du, die Miete sind 320 €, dann kommen noch 80 € Nebenkosten drauf. Da kannst du soviel Strom und Heizung verbrauchen wie du willst, kein Problem.

FRANZI: Inklusive Strom?

VERMIETER N.: Ja, klar, alles Pauschale, da rechnen wir nicht extra ab. Das schreiben wir auch so in den Mietvertrag rein.

FRANZI: Passt schon, dann muss ich nicht extra überweisen.

VERMIETER N.: Also hier auf dem Gang haben wir das Badezimmer und Klo. Ist halt separat, nicht das Schönste, aber zweckmäßig.

FRANZI: Wieviele teilen sich das Klo?

VERMIETER N.: Ja, so fünf, sechs Leute, aber bis jetzt lief alles ohne Probleme. Und hier haben wir das Zimmer. Schauen wir mal ob jemand da ist. (klopft)

FRANZI: Da wohnt noch jemand?

VERMIETER N.: Ja, aber Anfang des Monats ist der draußen. Hm, scheint keiner da zu sein. Dann zeig ich‘s dir mal gschwind. (sperrt auf)

FRANZI: Aber da wohnt doch noch jemand.

VERMIETER N.: Kein Problem. Also, das ist der Raum. Ist halt nichts Besonderes. Ist halt nur ein Zimmer.

FRANZI: Sind das 30 qm?

VERMIETER N.: Nein, nicht ganz, 23 qm. In der Anzeige habe ich auch das Bad dazugezählt.

FRANZI: 23 sind das aber auch nicht.

VERMIETER N.: Wie gesagt, kein Problem, das zahlt alles das Amt. Kühlschrank und Kochgelegenheit sind noch nicht da, aber das kriegst du natürlich von mir, in zwei, drei Tagen, wenn du eingezogen bist. Steht ja auch im Mietvertrag drin.

FRANZI: Ja, super.

VERMIETER N.: Dann schließ ich wieder ab. So, hier hab ich den Mietvertrag, können wir gleich unterschreiben.

FRANZI: Ist da Kaution drauf?

VERMIETER N.: Ja, klar, 900 €, aber kein Problem, das zahlt normalerweise das Jobcenter.

FRANZI: Ja, aber nur als Darlehen. Die ziehen mir jedes Monat 40 € von Hartz IV ab, bis das abbezahlt ist.

VERMIETER N.: Du kriegst ja die 900 € wieder von mir, wenn du ausziehst. Kein Problem. Dann hast du einen Batzen Geld auf einmal.

FRANZI: Stimmt.

VERMIETER N.: Kein Problem. Ist ein ganz normaler Mietvertrag. Hier schreiben wir noch rein, Punkt 17.4 „Die Nebenkosten gelten als Pauschale. Es erfolgt keine Abrechnung.“ So.

FRANZI: Dann unterschreib ich mal. Endlich eine Wohnung. Ich bin so froh. In dem anderen Loch hätte ich es nicht mehr lange ausgehalten.

VERMIETER N.: Ja, ich kenn den Vermieter. Der verlangt 450 € für nicht mal 10 qm, Hartz IV-Höchstsatz. Aber wenn es das Jobcenter zahlt …

FRANZI: Andere vermieten ja nicht an uns.

VERMIETER N.: Genau! Apropos, hast du nicht vielleicht noch einen Freund, Hartz IVler, der auch ein Zimmer sucht? Das hier daneben wird auch frei. Ist ein bisschen kleiner, aber sonst gleich.

FRANZI: Ja, klar. Super. Der wird sich freuen.

VERMIETER N.: Wunderbar, der soll sich bei mir melden. Also dann Franzi. Und wenn irgendetwas ist, einfach anrufen. Ich kümmere mich um alles.

FRANZI: Super! Tschüß!

Gespräch Andrei mit Vermieter

(Andrei sitzt in seiner neuen Bude, Vermieter klopft)

ANDREI: Ja?

VERMIETER N.: Hallo Andrei!

ANDREI: Hallo!

VERMIETER N.: Na, wie gefällt es dir in deiner neuen Bude?

ANDREI: Naja, im Vergleich zur Straße ist das hier das Paradies!

VERMIETER N.: Das freut mich für dich. Du, ich wollte mal mit dir Reden.

ANDREI: Oje, was Schlimmes? Ich hab doch gar nichts …

VERMIETER N.: Nene, was ganz anderes. Du bist doch ein ganz lockerer Kerl, oder? und ich hab da jetzt mal ein Frage an dich, ob du Lust auf einen Deal hast?

ANDREI: Ja, weiß nicht …

VERMIETER N.: Da springt für dich natürlich auch was raus. Zuerst mal, du hast ja vorher auf der Straße gelebt und hast da bestimmt noch ein paar obdachlose Freunde, oder?

ANDREI: Ja, klar.

VERMIETER N.: Ich hab mir das so vorgestellt. Ich vermiete ein Zimmer in der Bäckergasse 2 an deine Freunde, die eben obdachlos sind. Die wohnen nicht wirklich hier, das Zimmer existiert gar nicht. Du musst nur deren Namen auf deinen Briefkasten schreiben, damit die Post ankommt. Wir kassieren vom Jobcenter 400 €, du bekommst 100 €, ich behalte 150, ich trage ja das Risiko, und dein Kollege bekommt auch 150 €. Er muss ja zum Jobcenter gehen und den Mietvertrag abgeben.

ANDREI: Und das Jobcenter glaubt das?

VERMIETER N.: Das Jobcenter schaut nie nach, glaub mir! Die wissen ja, dass sie verarscht werden, weil ihr eine reguläre Wohnung sowieso nie bekommt. Wenn du mir, sagen wir mal, fünf, sechs Leute ranschaffst sind das jeden Monat fünf- sechshundert € für dich! Na, was sagst du?

ANDREI: Ich weiß nicht, ich glaub eher nicht.

VERMIETER N.: Na überleg‘s dir. Tja, ich bin aber schon wieder im Stress, muss weiter. Denk dran, fünf-, sechshundert €! Also Tschau.

ANDREI: Tschau!

Stromsperre und Pfütze im Bad

(Andrei schaut auf den Stromzähler, Franzi kommt gerade heim)

FRANZI: Hey, Servus Andrei, ich bin wieder da.

ANDREI: Hey, grüß dich Franzi (umarmen sich)

FRANZI: Was machst‘n da?

ANDREI: Zwei Tage hatten wir jetzt keinen Strom, nur unsere zwei Zimmer.

FRANZI: Wieso, warum?

ANDREI: Da war eine Plombe dran. Sandro hat wohl unsere Stromkosten nicht bezahlt.

FRANZI: Der kümmert sich ja wirklich um gar nichts!

ANDREI: Konnte nicht duschen, Sachen im Kühlschrank gingen kaputt.

FRANZI: Du hast wenigstens einen Kühlschrank. Ich warte schon fast vier Monate drauf.

ANDREI: Aber jetzt ist die Plombe wieder weg.

FRANZI: Reden wir später weiter, ich muss mal schnell aufs Klo. (stellt ihre Sachen ab und geht aufs Klo, bemerkt, dass der Boden ganz nass ist) Oh, was ist denn das? Ah, ist ja widerlich, ist ja ganz gelb, iiiiieh (hüpft aus dem Klo)

ANDREI: Was ist denn?

FRANZI: Hast du schon gesehen, das Klo ist voll überschwemmt.

ANDREI: (schaut) So schlimm war‘s noch nie.

FRANZI: Mir reicht‘s jetzt. Ich ruf den Sandro an.

ANDREI: Hoffentlich erwischt du ihn. Meist geht er ja nicht ans Telefon.

FRANZI: (wählt, hat Glück, gibt Andrei ein Daumen-hoch-Zeichen) Hallo Sandro, gut, dass ich dich erreiche. Das Klo ist kaputt. Alles ist nass! ... Das ist nicht verstopft, wir waren das nicht. Die Pisse rinnt unten raus, da ist wahrscheinlich schon alles undicht. Außerdem wollte ich dich fragen, wann endlich mein Kühlschrank und die Herdplatte kommen. Du hast es doch versprochen, in drei Tagen. Und steht ja auch so im Mietvertrag drin ...Wie? ... Wie gekündigt? …

ANDREI: Waaas?!

FRANZI: Wir sollen ausziehen? Schon in zwei Tagen?

ANDREI: Aber warum?

FRANZI: Wieso denn?... Zu laut? Alle im Haus beschweren sich?

ANDREI: Hä? Wer soll das sein?

FRANZI: Wer beschwert sich denn? ... Müll im Gang?

ANDREI: Pfff…

FRANZI: Aber das stimmt doch gar nicht! Wir schmeißen doch keinen Müll in den Gang! ... In der Mülltonne ist der Müll nicht getrennt? Jetzt reicht‘s! Deswegen kannst du uns doch nicht fristlos kündigen ... Das Jobcenter weiß schon Bescheid? Überweist für den kommenden Monat keine Miete mehr? Aber wir haben doch noch nicht mal eine schriftliche Kündigung! ... Und die Kaution bekommen wir auch nicht zurück! Du hast dir doch die Wohnung noch nicht mal angeschaut! Du kannst doch nicht einfach 1800 € für diese Bruchbuden einbehalten, nach knapp vier Monaten! ... Gib uns doch wenigstens einen Monat Zeit! Wir können doch nicht bis übermorgen alle unsere Sachen ausräumen. Wir haben ja noch nichts Neues! Wie stellst du dir das vor? ... Ich soll wieder auf der Straße leben?

ANDREI: Nein!

FRANZI: Das lassen wir uns nicht einfach gefallen ... (hält Telefon wegen Lautstärke weiter weg vom Ohr)

VERMIETER N.: (tritt neben die Bühne mit Handy in der Hand) … ihr nicht auszieht, hole ich meinen Vater dazu! Glaubt mir, das wünscht ihr euch nicht! (legt auf und ab)

FRANZI: (zu Andrei) Aufgelegt.

ANDREI: Oh Mann… (liegen sich in den Armen)

FRANZI: Ich besuch morgen meine Mutter, der erzähl ich das, vielleicht hat die ne Idee, was man da machen kann…

FRANZI: Ich besuch morgen meine Mutter, der erzähl ich das, vielleicht hat die ne Idee, was man da machen kann...

Telefonat von Mutter mit Jobcenter

MUTTER: … Natürlich könntest du auch wieder hier bei mir wohnen, aber das kann doch nicht die Lösung sein!

FRANZI: Danke, Mama. Ich will dir ja auch nicht weiter zur Last fallen!

MUTTER: Du bist mir keine Last, aber in deinem Alter ist es doch auch für dich wichtig, auf eigenen Beinen zu stehen.

FRANZI: Ja, deswegen wollt ich dich da auch nicht mit reinziehen, aber ich weiß einfach nicht mehr weiter!

MUTTER: Weißt du was, jetzt ruf ich ihn mal an und red mit ihm. (wählt Nummer) Hallo Herr Sandro N., hier ist Frau Ursula B., die Mutter von der Franziska. Sie hat mir erzählt, dass es Probleme gibt, dass Sie sie rausschmeißen wollen? ... Sie können keinen rausschmeißen von heute auf morgen ohne genaue Begründung und Angaben! ... Pizzaschachteln?

FRANZI: (schaut fassungslos, macht „Geld“-Geste mit Fingern)

MUTTER: Meine Tochter hat sicher nicht das Geld um sich massenweise Pizzas zu bestellen. Außerdem kann die jeder weggeworfen haben! Haben Sie dafür überhaupt Zeugen? ... Wissen Sie, Sie können nicht einfach jemanden wegen pauschaler Behauptungen kündigen. Sie haben ja noch nicht einmal richtig abgemahnt ... Ihre Freundin hat die Abmahnung mitgehört?

FRANZI: (schüttelt fassungslos den Kopf)

MUTTER: Das wird ja immer abenteuerlicher! Damit kommen Sie niemals durch! ...

FRANZI: Ach ja, Mama, frag doch auch mal wegen der Kaution, bitte!

MUTTER: Genau, warum wollen Sie überhaupt die Kaution einbehalten? Das Zimmer war ja nicht einmal gestrichen, als Franziska eingezogen ist. Da waren lauter gelbe Flecken an den Wänden! ... Wissen Sie, was ich glaube, Sie wollen Franziska und Andrei um die Kaution bescheißen ... Natürlich! Alle vier Monate schmeißen Sie die Leute raus und kassieren jedesmal 900 € Kaution. Das rentiert sich. Ein Hartz-IV-Empfänger wehrt sich ja nicht! ... Weiß eigentlich das Jobcenter, dass Sie ein Zimmer vermieten, das laut Mietvertrag 23 qm groß sein soll, aber nicht mal 12 qm hat? Wir haben's ausgemessen ... Ach, das Jobcenter weiß das? ... Ich kann da gerne anrufen? Sie geben mir sogar die Nummer? Na, dann her damit! (gibt Franzi Zeichen, aufzuschreiben) … 0941 / 640 90 312 … Frau D., Danke, Herr N., wir sprechen uns noch. Und ich werde jetzt beim Jobcenter anrufen! (legt auf und wählt neu)

FRANZI: Wahnsinn, der Typ... (hält Mutter Notiz mit Telefonnummer hin)

MUTTER: Ja, hallo, hier ist Frau Ursula B., die Mutter von der Franziska B. ... Ja genau, Franziska hat mir erzählt, dass Sie die Miete für kommenden Monat nicht mehr überweisen wollen, da der Vermieter bei Ihnen angerufen hat? ... Aber Franziska wohnt da noch und wird nicht ausziehen ... Sie haben ja noch nicht mal die Kündigung schriftlich, nur telefonisch, und da verlangen Sie jetzt von meiner Tochter eine schriftliche Bestätigung, dass sie da noch wohnt? Wie absurd ist das denn? ... Wissen Sie eigentlich, dass die Angaben im Mietvertrag gar nicht stimmen, von wegen Kochgelegenheit. Und das Zimmer ist nur knapp 12 qm groß, statt 23, wie‘s im Mietvertrag steht ... Das sollte Sie aber interessieren! Sie bezahlen hier den reinsten Mietwucher! Und dann helfen sie den Leuten nicht einmal! Die Kaution will der feine Herr übrigens auch einbehalten. Und Sie ziehen das Geld dann den armen Schweinen wieder von Hartz IV ab! Wissen Sie, wieviel 900 € für einen armen Menschen sind? Sie machen sich mitschuldig!

Treffen mit Vermieter

(Neumieterin und Sandro treffen sich vor der Bäckergasse 2)

VERMIETER N.: Hallo ich, bin der Sandro, kannst ruhig du zu mir sagen.

NEUMIETERIN: Ich bin die Maria, Hallo.

VERMIETER N.: Dann schauen wir uns die Wohnung mal an, würde ich sagen. Dritter Stock, unterm Dach.

NEUMIETERIN: Okay (sie gehen ein paar Mal im Kreis, treppensteigend)

VERMIETER N.: Also, wie gesagt, Miete 400 €, kein Problem, zahlt das Amt.

NEUMIETERIN: Inklusive Strom?

VERMIETER N.: Ja, klar, alles Pauschale, da rechnen wir nicht extra ab. Das schreiben wir auch so in den Mietvertrag rein. (gehen weiter im Kreis, treppensteigend)

ANDREI: (zu Nachbarn) Danke, dass ich bei dir duschen und mir Wasser holen durfte!

NACHBAR: Kein Problem!

ANDREI: Magst als Dankeschön noch einen Kaffee bei mir trinken? Der Wasserkocher funktioniert ja immerhin…

NACHBAR: Ja, gerne! Echt ne Frechheit, euch einfach das Wasser abzustellen!

VERMIETER N.: (verlassen Treppenhaus) So, dann sind wir schon da. Also hier auf dem Gang haben wir das Gemeinschaftsbad, Gemeinschaftsklo, aber kein Problem, lauter nette Leute hier. Und hier ist das Zimmer. Schaun wir mal ob jemand da ist.

NEUMIETERIN: Da wohnt noch jemand?

VERMIETER N.: Ja, aber Anfang des Monats ist die draußen. Hm, scheint keiner da zu sein. Dann zeig ich‘s dir mal gschwind. (sperrt auf) Du siehst, schön hell, herrlicher Blick auf Regensburg.

NEUMIETERIN: Das sind aber keine 30 qm.

VERMIETER N.: Ja, nicht ganz, 23 qm. In der Anzeige habe ich auch das Bad dazugezählt, Aber wie gesagt, kein Problem, das zahlt alles das Jobcenter. Kühlschrank und Kochgelegenheit sind noch nicht da, aber das kriegst du natürlich von mir, in zwei, drei Tagen, wenn du eingezogen bist.

NEUMIETERIN: Okay

VERMIETER N.: Dann schließ ich wieder ab.

NACHBAR: Hey, ist das nicht dein Vermieter?

VERMIETER N.: So, hier hab ich den Mietvertrag, können wir gleich unterschreiben.

ANDREI: (kommt raus) Ach, hallo, Sandro, wie geht‘s dir? Du ich wollte schon lange mit dir quatschen.

VERMIETER N.: Jetzt geht es gerade nicht. Du siehst ja, ich zeige einer Interessentin ein Zimmer.

ANDREI: Das kannst du gerne machen, aber wir ziehen hier nicht aus!

VERMIETER N.: Ihr zieht aus.

NACHBAR: Hey, ich komm lieber später wieder! (ab)

ANDREI: (Nachbarn hinterher) Aber, bleib doch

NACHBAR: Ne, das wird mir zu heiß, Tschüß.

ANDREI: Schade … (schüttelt traurig den Kopf, zu Sandro) Nein, wir ziehen nicht aus. Rein rechtlich kannst du uns nicht einfach so rausschmeißen.

VERMIETER N.: Ja, wenn‘s rechtlich zugehen würde, aber das tut es nicht.

ANDREI: Ich habe ja noch nicht mal eine schriftliche Kündigung. Du hast es mir nur über Franzi ausrichten lassen.

VERMIETER N.: Am ersten seid ihr draußen, das ist Fakt. Und wenn ich die Tür eintreten muss und eure Sachen beim Fenster rausschmeiße.

ANDREI: Aber…

VATER: Was ist denn hier los?

(kommt hinzu) Ah, da haben wir ja unseren kleinen Möchtegern-Mietrebellen…

VERMIETER N.: Hey Dad, du kommst gerade recht. Das da ist einer von denen.

VATER (zu Andrei): Ah, du bist also einer von diesen Möchtegern-Mietrebellen! Wenn ich am 1. noch irgendwas von euch und eurem Saustall hier sehe, findet man dich mit den Augen nach oben im Maisfeld!

ANDREI: A-aber…

VERMIETER N.: (zu Interessentin) So, dann wär das ja geklärt. Jetzt unterschreiben wir unten den Mietvertrag.

VATER: Und keine Angst, wenn du hier einziehst sind diese Penner draußen, da kannst du Gift drauf nehmen.

VERMIETER N. und VATER: Kein Problem!

NEUMIETERIN: Okay…


Miete 3: Stadtbau / Politik




MODERATION: Aus dem Leitbild der Regensburger Stadtbau, nachzulesen auf deren Homepage: „Die Stadtbau ist ein Tochterunternehmen der Stadt Regensburg. Seit 1921 setzen wir uns dafür ein, die Wohn- und Lebensbedingungen in Regensburg zu verbessern. Dazu schaffen, pflegen und verwalten wir Immobilien mit der Absicht, möglichst viele Bürger und Bürgerinnen mit adäquatem und zeitgemäßem Wohnraum zu versorgen. (…) Eigenverantwortung und Integration sind hier die Schlüsselthemen. So wollen wir es z. B. auch älteren, behinderten und gehandicapten Menschen durch unterstützende Maßnahmen ermöglichen, eigenständig und komfortabel zu wohnen und möglichst lange in ihren gewohnten Umgebungen verbleiben zu können.“

Schöne Worte, die mit der Wirklichkeit nicht allzuviel zu tun haben. So wirft der Regensburger Mieterbund z.B. der Stadtbau vor, sie agiere „wie eine Heuschrecke“. Die ehemalige Quartiersmanagerin der Humboldtstraße Burgi Geissler hat einen offenen Brief veröffentlicht. Darin schreibt sie: Die Mieterhöhungen der Stadtbau in der Humboldtsstraße kämen einer Vertreibung der angestammten Bevölkerung gleich.

Mit einer Vertreibung der ganz eigenen Art haben wir es auch in unserem nächsten und letzten Fall zu tun.

Aufzug kaputt

DAMIR: (rollt zu Aufzug) Puh, hoffentlich geht heute der Aufzug, war echt ein langer Tag. Und regnen tut‘s auch noch. (drückt) Scheiße! Schon wieder Funktionsstörung. Klar, es regnet ja, da geht er nicht. Ich pack‘s nicht! (holt Handy heraus) Na, dann schaun wir mal, wie das mit dem Tragedienst funktioniert. Zwei Nummern hat mir die liebe Stadtbau gegeben. (ironisch) Euch werde geholfen … (tippt, hält Telefon an Ohr, dann plötzlich weg) Scheiße, das war ein Faxnummer! Die Stadtbau hat mir eine Faxnummer gegeben! Oh Mann … Zweite Nummer … (wählt und hält Telefon vorsichtig ans Ohr) Ja, hier Damir I., Mieter in der Roten-Löwen-Straße, ich bin Rollstuhlfahrer und der Aufzug funktioniert wieder mal nicht. Könnten Sie bitte jemanden vorbeischicken, der mich hochträgt? … Wie, Sie wissen nicht Bescheid? Die Stadtbau hat mir gesagt, es sei alles geregelt … Jedenfalls komme ich gerade von der Arbeit heim und der Aufzug funktioniert nicht. Ich muss hochgetragen werden, sonst komme ich nicht in meine Wohnung … In zwei bis drei Stunden? Ich kann doch nicht so lange auf der Straße stehen! … wie?? … 24 Stunden vorher? Ich weiß doch einen Tag vorher nicht, ob am nächsten Tag der Aufzug kaputt ist! … Ach vergessen Sie‘s! (legt auf, rollt auf die Straße, zwei Passanten kommen vorbei) Hallo äh, ich habe ein Problem. Der Aufzug ist kaputt und ich möchte gerne in meine Wohnung. Ein Tragedienst käme frühestens in zwei bis drei Stunden. Und dann habe ich kein warmes Wasser mehr in der Wohnung.

PASSANT 1: Wie, kein warmes Wasser?

DAMIR: Die Stadtbau, mein Vermieter, hat die REWAG angewiesen, im ganzen Haus ab neun Uhr das warme Wasser für alle 40 Mietparteien abzustellen. Kostenersparnis. Ich habe bei der REWAG angerufen. Was glaubt ihr, was das im Jahr pro Mieter an Kosteneinsparung bringt?

PASSANT 2: Keine Ahnung.

DAMIR: Genau drei Euro pro Mieter im Jahr.

PASSANT 2: Das gibt‘s doch nicht!

PASSANT 1: Ich habe noch nie gehört, dass man irgendwo das warme Wasser abstellt.

DAMIR: Und hier wohnen fast 40 behinderte Mietparteien. Behinderte sind leider ab und zu inkontinent. Da muss man sich auch abends und nachts mal waschen.

PASSANT 1: Das ist schon ein starkes Stück. Warum machen die das, wenn man praktisch nichts spart?

DAMIR: Tja, da musst du die soziale Stadtbau selber fragen. Selbst eine anwaltliche Aufforderung hat die Geschäftsführung nicht interessiert. Nach 4 Wochen und einem weiterem Anwaltsschreiben wurde als verantwortlich die REWAG angegeben. Aber erst eine Nachfrage des Herrn Wanner von der Mittelbayerischen bei Herrn Becker, dem Geschäftsführer der Stadtbau, brachte uns innerhalb von 24 Stunden das warme Wasser zurück. Kommentar der Prokuristin Frau Redlich: Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun, wie das Leben halt so spielt.

PASSANT 2: Unglaublich. Und der Aufzug spinnt auch immer wieder?

PASSANT 1: Das ist ja eine Story für die Zeitung!

DAMIR: Das ist ein Skandal, der schon seit mehr als 10 Jahren unser Alltag ist. Ich habe Protokoll geführt, an mindestens 113 Tagen ging allein im letzten Jahr der Aufzug nicht.

PASSANT 2: 113 Tage! Und in dem Haus sind lauter Behinderte?

DAMIR: Ja, 19 davon im Rollstuhl. Einige gehen schon gar nicht mehr aus der Wohnung, weil sie Angst haben, nicht mehr heim zu kommen.

PASSANT 1: Das ist ja unglaublich.

DAMIR: Ganz normaler Stadtbaualltag. Aber ich müsste jetzt wirklich dringend aufs WC.

PASSANT 2: Okay. Wie müssen wir anpacken?

Mieterversammlung

BECKER: So, meine sehr verehrten Mieterinnen und Mieter unseres preisgekrönten, barrierefreien und behindertengerechten Wohnkomplexes in der Roten-Löwen-Straße Schrägstrich Fidelgasse, herzlich willkommen! Für die, die mich noch nicht kennen: Mein Name ist Joachim Becker. Ich bin Geschäftsführer der Stadtbau GmbH. Hier an meiner Seite meine Pressesprecherin. Ich habe heute diese Mieterversammlung einberufen, da es einiges zu besprechen gibt. Dabei wollen wir aber nicht in die Vergangenheit schauen, sondern vertrauensvoll in die Zukunft blicken und unkomplizierte Lösungen finden. Ein Problem war der Aufzug. Dafür haben wir uns 3 Varianten überlegt: Variante 1 und 2 wären Außenaufzüge für jeweils 250.000 €, Variante 3 ein Aufzug im Haus für 450.000 €. Letztere Variante sehen wir als die sinnvollere an. Der Aufzug wird also nicht mehr aussen sein, d.h. im Freien, zwischen den beiden mit einem Übergang verbundenen Häuserhälften, wo er den Wettereinflüssen ausgesetzt ist, sondern im Haus. Dafür müssten aber einige Wohnungen umgebaut werden, doch da sind nur geringfügige Eingriffe vorgesehen. (Wolfgang meldet sich) Ja, bitte?

WOLFGANG: Warum innen? Die Reparaturen, die es bräuchte, damit der Aussenaufzug wieder richtig funktioniert, sind doch im Grunde minimal. Im Sommer funktioniert der Aufzug nicht, weil die Sonne auf einen Sensor scheint, dagegen hilft ein Kartoffelsack. Wenn‘s regnet, dann wird die Platine nass. Dagegen hilft eine gescheite Isolierung, fertig. Und wenn man noch ganz was Gutes tun will, dann könnte man den Aufzug in Glas einhausen. Das ist bestimmt billiger als durch ein ganzes Haus zu bohren.

BECKER: Ja, das ist jetzt so festgelegt. Glauben Sie mir, wir haben da viele Experten konsultiert, das ist die optimale Lösung, das ist jetzt so beschlossen. Jetzt geht es nur noch um die Finanzierung des neuen Aufzugs.

DAMIR: Heißt das, dass Sie uns wieder das warme Wasser abstellen?

PRESSESPRECHERIN: Ja, da haben wir uns gedacht, dass Sie sich als Behinderte zusammentun und eine Kampagne starten, da gibt es ja jetzt ganz viele Möglichkeiten übers Internet, zum Beispiel Crowdfunding.

MIETER: Finde ich eine gute Idee.

PRESSESPRECHERIN: Das freut mich. Da kommt bestimmt viel zusammen bei so einem soziale Projekt! Ich sehe die Schlagzeile schon vor mir: „Ein Herz für Behinderte. Darum spenden Sie für einen Aufzug!“ Wunderbar! Wer könnte das organisieren? (keine/r meldet sich)

WOLFGANG: Wie helfen Sie uns dabei?

PRESSESPRECHERIN: Das geht nicht.

DAMIR: Und wo soll der durchgehen, der neue Aufzug?

BECKER: Ja, hier hab ich den Plan aufgehängt (zeigt an die Wand). Aber wir sollten uns jetzt wirklich um die Finanzierung …

DAMIR: Könnten Sie den Plan mal aufklappen, da ist ja meine Hälfte noch verdeckt.

BECKER: Bitte … (deckt kurz auf, dann lässt er wieder los)

DAMIR: Moment, das war zu schnell (Becker deckt widerwillig wieder auf) Ha, das geht ja genau durch meine Wohnung! Ein Aufzug durch meine Wohnung! Wie stellen Sie sich das vor?

PRESSESPRECHERIN: Wie gesagt, diese Lösung ist die bevorzugte Expertenmeinung. Sicherlich, es betrifft drei Wohnungen, aber wir sind sicher, dass wir unkomplizierte, vertrauensvolle Lösungen finden.

BECKER: Das war‘s auch schon. Vielen Dank fürs Kommen.

PRESSESPRECHERIN: Und Sie wissen ja, die Stadtbau ist immer für Sie da!

Druck auf Günther M.

PFLEGER/IN: (gibt dem an MS erkrankten Rollstuhlfahrer Günther zu trinken, das Telefon klingelt) Oh, Telefon. (hält Günther Telefonhörer hin)

GÜNTHER: Ja, Günther M. … Umzug? Ich weiß nix von einem Umzug … Na, ich zieh nicht aus, ich hab nicht vor auszuziehen … Das ist mein zuhause, ich … nein … nein, entschuldigen Sie, dass muss ein Missverständnis sein … … nein, ich hab nix bestellt … Ja, das überprüfen sie … ja, auf Wiederhören … ja.

PFLEGER/IN: Waren die falsch verbunden oder was?

GÜNTHER: Eine Umzugsfirma. Das dritte Mal in dieser Woche.

PFLEGER/IN: Hä?

GÜNTHER: Hat angerufen, weil … die wollen wissen, wann, wann sie kommen können … wann ich die Sachen, meine Wohnung … ausräum.

PFLEGER/IN: Das war sicher ein Missverständnis.

GÜNTHER: Die warn sich ganz sicher, meine Adresse, mein Name, hat alles gestimmt.

PFLEGER/IN: Was? Was sind denn das für Methoden? Das ist ja seltsam … Jetzt klingelt das Telefon schon wieder.

GÜNTHER: Ja, Günther M. … Ah, guten Tag Herr Hage, gut, dass Sie von der Stadtbau anrufen, da wollte gerade eine Umzugsfirma, ich soll umziehen … Was für ein neuer Mietvertrag? … Entschuldigung, warum, ich versteh nicht … ich weiß nix von einer neuen Wohnung … Mir wurde, ich wohne doch hier, meine Wohnung … ich weiß überhaupt nicht, dass ich umziehen soll … Ich unterschreibe keinen Mietvertrag … Entschuldigung Herr Hage, ich will nicht umziehen, ich weiß überhaupt nicht, dass ich umziehen soll … Ich weiss ja noch nicht einmal wohin … Ich unterschreibe keinen Mietvertrag … (legt auf).

PFLEGER/IN: Du bist ja ganz durcheinander. Was ist denn?

GÜNTHER: Ja, der Herr Hage von der Stadtbau war dran. Hat auch schon dreimal angerufen diese Woche. Ich soll einen neuen Mietvertrag unterschreiben für eine neue Wohnung. Aber ich weiß ja von nichts. Weil da jetzt ein Aufzug eingebaut werden soll, durch meine Wohnung. Da kann ich nicht bleiben. Aber ich hab doch gar keine Kündigung.

PFLEGER/IN: Seltsam …

Wohnungsbesichtigung

HARTL: (zu Damir) Ja, grüß Gott, kommen‘s rein in die gute Stube.

REDLICH: Grüß Gott, Herr Damir I.

DAMIR: Hallo, Frau Redlich. Und Sie …

HARTL: Gut das Sie da sind. Da können wir das regeln. Aber erst schaun wir uns amal die Wohnung an. Sie werden sehen, dass das das Beste für Sie ist, viel besser als ihre alte Wohnung. Sehen Sie, hell und geräumig, schöne Fenster, kann man rausschauen. Da ist die Küche.

REDLICH: Gell, die ist geräumiger als die Ihre, zwar ohne Terrasse, aber mit Frischluftzufuhr.

HARTL: Und hier das Wohnzimmer, alles natürlich ganz neu gemacht. Und hier …

DAMIR: Sagen Sie mal, wer sind Sie eigentlich?

HARTL: Ja, kennen Sie mich nicht? Ich bin doch der Norbert Hartl von der SPD!

DAMIR: Wissen‘s was, Herr Norbert Hartl von der SPD, mir ist es wurscht, wer Sie sind. Hören Sie auf damit mir zu sagen, was ich machen soll. Ich kann selbst entscheiden was für mich das Richtige ist

HARTL: Aber Sie müssen raus! In drei Wochen ist doch schon der Baustart für den neuen Aufzug.

DAMIR: In drei Wochen ist Baustart und wir wurden noch nicht mal informiert!

HARTL: Das weiß ich jetzt nicht … (zu Redlich) Habe ich was Falsches gesagt?

REDLICH: Das regeln wir schon. Wir informieren schon noch rechtzeitig.

DAMIR: Wie? Rechtzeitig? Der Baubeginn ist in drei Wochen! Wo sind die Ersatzwohnungen?

HARTL: Sie haben ja jetzt diese Wohnung gesehen.

DAMIR: Und Sie beide bestimmen, dass ich sie zu nehmen habe? Dabei wissen Sie, dass ich noch einen gültigen Mietvertrag habe. Das ist doch Mietermobbing! Und das vom Vorstand der Stadtbau!

REDLICH: Sie müssen mir nicht sagen, wie ich meine Arbeit zu machen habe. Sie haben jetzt das Angebot dieser Wohnung.

Bohrung durchs Schlafzimmer

DAMIR: (rollt in den Hof, ein Arbeiter hebt Platten aus) Entschuldigung, darf ich fragen, was hier gemacht wird?

ARBEITER/IN: Wir bauen einen Aufzug ein. Ich bereite schon mal alles vor.

DAMIR: Ah, sehr interessant. Schön, das als betroffener Mieter zu erfahren.

ARBEITER/IN: Ach, Sie sind Mieter hier. In welchem Wohnung wohnen Sie denn?

DAMIR: Na, gleich da drüber, wo sie jetzt Ihr Material liegen haben.

ARBEITER/IN: Das trifft sich gut, ich wollte eh schon fragen, weil ich muss in die Wohnung rein. Ich muss da durch die Decken bohren, um den Aufzug auszurichten.

DAMIR: Sie wollen einfach durch meine Wohnung, durch mein Schlafzimmer bohren? Und ich weiß nichts davon!

ARBEITER/IN: Entschuldigung, die Stadtbau, die hat uns da den Auftrag gegeben. Ich dachte schon, dass das geregelt ist, und die Wohnung geräumt ist.

DAMIR: Gar nichts ist geregelt, ich ziehe nicht aus, denn ich habe noch keine Ersatzwohnung.

ARBEITER/IN: Davon weiß ich jetzt nichts. Also Sie lassen mich nicht in Ihre Wohnung rein?

DAMIR: Nein.

ARBEITER/IN: Aber dann kann ich nicht weiterarbeiten. Und bezahlt werden muss das dann trotzdem.

DAMIR: Das ist nicht mein Problem, das ist das Problem der Stadtbau. Die lässt sich das anscheinend viel kosten, Druck auf ihre Mieter auszuüben.

ARBEITER/IN: Ja, tut mir leid. Ich mache hier auch nur, was mir gesagt wird. Aber wenn Sie mich nicht durch Ihre Wohnung bohren lassen, dann muss ich jetzt erst mal Schluss machen.

DAMIR: Ja, machen Sie das. Auf Wiedersehen.

ARBEITER/IN: Wiedersehen.

Erstes Treffen mit Wolbergs

WOLFGANG: Ja, Herr Wolbergs, das Abstellen war eindeutig Vertragsbruch. Das warme Wasser nach 21 Uhr wurde erst wieder angestellt, nachdem ein ausführlicher Presseartikel erschienen ist.

WOLBERGS: Das kann ich eigentlich gar nicht glauben, was Sie mir da über die Stadtbau erzählen.

WOLFGANG: Im Grunde ist es noch schlimmer. Mieter werden wiederholt im Auftrag der Stadtbau von Umzugsfirmen angerufen, wann sie denn ausziehen wollen, um einen Termin auszumachen.

DAMIR: Aber diese Mieter wissen gar nichts von davon. Es wird den Mietern sogar gedroht, sie müssten die Kosten tragen, wenn sie den Termin absagen. Das sind Mafiamethoden. Das hat mit einem Unternehmen, einem städtischen Unternehmen, das sozial sein soll, nicht mehr viel zu tun.

WOLBERGS: Also, ich muss mich bei Ihnen für das Verhalten der Stadtbaugeschäftsführung wirklich entschuldigen. Ich bin zwar, seit ich zum Oberbürgermeister gewählt wurde, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Stadtbau, mein Parteikollege Herr Norbert Hartl ist seit vielen Jahren stellvertretender Vorsitzender, aber ich habe von all dem noch nichts mitbekommen.

WOLFGANG: Man muss sich das mal vorstellen, was das für einen Behinderten bedeutet, wenn er nicht aus seiner Wohnung kann …

DAMIR: … oder nicht mehr zurück.

WOLFGANG: Die Stadtbauprokuristin Frau Redlich behauptete mir gegenüber, die Wohnanlage sei besonders Vandalismus-gefährdet. Sie selbst habe gesehen, wie ein Rollstuhlfahrer absichtlich mehrfach gegen die Aufzugtür gefahren sei.

WOLBERGS: (schüttelt den Kopf) Und jetzt?

DAMIR: Seit klar ist, dass ein Innenaufzug gebaut werden soll, funktioniert der alte Aufzug beinahe fehlerlos. Ich weiß nicht, was die da gemacht haben, aber das Problem ist behoben.

WOLBERGS: Also, wenn der Aufzug jetzt funktioniert, dann braucht es auch keinen neuen Aufzug. Das Geld kann man wirklich sparen. Ich verspreche Ihnen, ich werde da mal nachhaken und mich in spätestens 14 Tagen wieder bei Ihnen melden.

DAMIR: Das hört sich doch gut an.

WOLBERGS: Und da ich jetzt Oberbürgermeister bin, möchte ich bei der Stadtbau einiges verändern. Aber natürlich wird es Zeit brauchen entsprechende Veränderungen umzusetzen. Die Stadtbau muss wieder sozialer ausgerichtet werden.

DAMIR: Danke!

WOLFGANG: Danke!

WOLBERGS: Sie hören von mir, auf Wiedersehen!

Anruf bei Wolbergs

DAMIR: (telefoniert) Ja, Damir I. hier. Ist Herr Wolbergs zu sprechen?

SEKRETÄRIN: Tut mir Leid, Herr Wolbergs hat keine Zeit.

DAMIR: … Keine Zeit? … Er wollte mich eigentlich zurückrufen nach 14 Tagen und jetzt sind schon über zweieinhalb Monate vergangen …

SEKRETÄRIN: Um was geht es denn?

DAMIR: Ich habe eine Räumungsklage von der Stadtbau erhalten.

SEKRETÄRIN: Ah, stimmt ich weiss Bescheid.

DAMIR: Wie, Sie wissen Bescheid?

SEKRETÄRIN: Der Herr Becker hat Herrn Wolbergs das bereits telefonisch mitgeteilt. Er wird sich bei Ihnen melden.

DAMIR: Danke (legt auf)

Zweites Treffen mit Wolbergs

STRASSENREINIGER/IN: Ach Herr Wolbergs, quasi mein Chef, guten Tag, wie geht‘s?

WOLBERGS: Geht so. Ich komme gerade vom Michlstift, dem Altersheim. Habe den alten Leuten sagen müssen, dass Sie umziehen müssen …

STRASSENREINIGER/IN: Da waren die sicher nicht begeistert darüber.

WOLBERGS: Aber es hilft nichts, ein Umzug ist alternativlos. Das Michlstift ist nach modernen Pflegegrundsätzen einfach nicht mehr wirtschaftlich.

STRASSENREINIGER/IN: Tja, die Wirtschaftlichkeit …

WOLBERGS: (zu Damir) Sie schauen mich so an. Wollen Sie mit mir reden?

DAMIR: Ja, Herr Wolbergs. Eine Frage, warum haben Sie sich eigentlich nicht mehr gemeldet?

WOLBERGS: Was? Ich bei Ihnen?

DAMIR: Ja, Sie haben gesagt, Sie würden der Sache nachgehen, und sich innerhalb der nächsten 2 Wochen melden. Nichts. Nicht mal auf meine Anrufe hin haben Sie sich gerührt.

WOLBERGS: Ach ja, wissen Sie, ab dem Zeitpunkt, wo es juristisch geworden ist, war ich raus. Wie ist es denn jetzt gelaufen?

DAMIR: Die Gerichtsverhandlung war ein Witz. „Um die Hintergründe gehe es nicht“, hat die Richterin ständig wiederholt, „ziehen Sie das nicht auf diese Ebene“. Ich wollte die Gründe für meine Mietminderung erklären, aber das hat nicht interessiert. Ja, wenn in einem sozialbaugefördertem Wohnprojekt ein fehlerhafter Aufzug kein Grund zur Mietminderung ist, ja was denn dann!

WOLBERGS: Wie ist denn jetzt der Stand der Dinge?

DAMIR: Ich habe den Prozess verloren. Angeblich war meine Mietminderung zu hoch. Der Aufzug sei nicht an 113 Tagen funktionsgestört gewesen, sondern nur an 66. Als ob das nicht auch reichen würde! Ich bin behindert! 66 Tage ohne Aufzug heißt 66 Tage eingesperrt! Arbeitsausfall, Freiheitsberaubung … Aber die Richterin wieder: „Das bringt doch nichts, das jetzt auf diese Ebene zu ziehen“!

WOLBERGS: Mhm, ich muss dann wieder weiter …

DAMIR: Joachim Becker, seine Rechtsanwältin und Frau Redlich von der Stadtbau haben sich sichtlich amüsiert. Das war kein Prozess, das war eine Hinrichtung!

WOLBERGS: Tja …

DAMIR Das ganze geht schon seit über 10 Jahren und letztendlich habe ich als geschädigter Mieter die Gerichtskosten in Höhe von 3.200 € zu tragen. Und die Stadtbau besteht weiterhin auf meinen Auszug zum 30. Juni 2015.

WOLBERGS: Ja, dann muss ich vielleicht nochmal mit dem Herr Becker reden.

DAMIR: Das wäre Klasse.

WOLBERGS: Tschau.

DAMIR: Tschau.

WOLBERGS: (zu Straßenreiniger/in) Was machen Sie da?

STRASSENREINIGER/IN: (putzt Schild „Stadtbau“) Ach, ich putz nur die Stadtbau, die ist nicht ganz sauber.


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Fotos: Herbert Baumgärtner