| Sonntag, den 19. Dezember 2010 um 16:57 Uhr |
Integrationsversprecher
Normalerweise ist die Verdi-Mitgliederzeitschrift „Publik“ so dröge, daß ich sie nach kurzem Durchblättern und etwas Ärgern um die vertanen Sekunden postwendend in die Tonne stopfe. Doch bei der allmonatlichen Karikatur von „Nel“ alias Ioan Cozacu blieb ich diesmal hängen. Was soll das? Hat Sarrazin es nun auch in die Gewerkschaftsmedien geschafft? (Unter Gewerkschaftlern selbst ist er bzw. seine Stammtischweisheit schon länger en vogue: Die Ausländerfeindlichkeit von Organisierten ist sogar höher als von Nicht-Organisierten, siehe aktuelle FES-Studie: Die Mitte in der Krise, S. 87) Ich habe versucht, Nel eine Chance zu geben. Vielleicht handelt es sich um ein muslimisches Pärchen, das ins Heimatland zurückkehrte? Aber gibt das einen Sinn? Werden Menschen in Ländern des Islam wegen ihres zeitweisen Aufenthalts in Deutschland bedroht, sodaß sie sich verräterischer Einflüsse auf dem schnellsten Wege zu entledigen haben? Nö. Die Szene spielt also in Deutschland, vermutlich ein muslimisches Immigrantenpärchen aus der Türkei, das Bildchen über dem Bett zeigt im Hintergrund die Hagia Spohia. Vorgestellt werden beinharte Integrationsverweigerer, wie sie Sarrazin nicht besser phantasieren könnte. So dürfte die Karikatur keine Schwierigkeiten haben, es in die nächste Auflage von „Deutschland schafft sich ab“ zu bringen.
Da ich jedoch glaube, Nel unterlief nur ein Versprecher und hoffe, es war kein freudscher, erlaube ich mir, das Karikatürchen zu berichtigen. Jetzt ist es meines Erachtens sogar ganz ordentlich, vermittelt es doch wenigstens ein Zipfelchen der Angst, die Sarrazinesen verbreiten. |